Harte Jungs ganz zahm

Fr 14. Dezember 2012  | Nottwil

Wenns im Schweizer Paraplegiker-Zentrum SPZ wimmelt von jungen Männern in tiefsitzenden Jeans, viel zu grossen Shorts, Kapuzenjacken, Caps und schwarzen T-Shirts mit mehr oder weniger provokativen Aufschriften, dann sind die Lehrlinge der Berufsfachschule für Verkehrswegebauer wieder unterwegs zu ihren Sensibilisierungskursen.

Bereits zum zweiten Mal arbeiten wir mit Peter Joller, Leiter Fachschaft Turnen und Sport der Berufsfachschule der Verkehrswegebauer Sursee zusammen. In der ersten Woche des ersten Lehrjahres kommen alle Lernenden in eine Projekt- und Einführungswoche. Dabei lernen sie die Schule, die Gegend, die Lehrpersonen und ihre Klassenkameraden kennen und besuchen unter dem Thema «Begegnen, bewegen, erleben » diverse Organisationen. Einen Tag verbringen sie bei der Polizei. Diese zeigt ihnen auf, wie sie sich als Neulenker im Verkehr zu verhalten haben und welches die Konsequenzen sind, wenn sie Opfer werden oder andere zu Opfern machen durch ihr Fehlverhalten. Zudem nehmen sie an einer Gesprächsrunde mit der Organisation Red Cross teil.

Auch ein Besuch im SPZ ist Teil des Programms und so wurden zum zweiten Mal 360 Lehrlinge verteilt über 4 Tage in verschiedenen Workshops ins Thema Behinderung eingeführt. In theoretischen Blocks wird informiert, in praktischen Blocks gibts die Möglichkeit zur Selbsterfahrung.

Querschnittlähmung hautnah

Nun sind die Jungs nicht wirklich in einem Alter, wo sie gerne still dasitzen und zuhören. Leicht gelangweilt begeben sie sich zu ihren jeweiligen Standorten. Es wird den meisten aber relativ schnell klar, dass sie Querschnittlähmung nie mehr so hautnah erfahren werden. Während die junge Frau erzählt, wie sie in den Rollstuhl gekommen ist, wirds schon mal ziemlich ruhig, und bei der anschliessenden Fragerunde merkt man, dass es einigen ziemlich nahe gegangen ist. «Wie ist es für Sie, wenn wir als Fussgänger aufkreuzen und Sie sitzen im Rollstuhl?», fragt einer, und ob sie denn bei dem durchorganisierten Programm in der Rehab überhaupt Zeit gehabt habe, sich mit ihrer Querschnittlähmung auseinanderzusetzen. Ziemlich tiefgründige Bemerkungen, welche man von diesen Jungs nicht unbedingt erwartet.

Und der Rollstuhl fasziniert gerade mal bis zu den Pflastersteinen. «Hier kommt Schumi», ruft einer und flitzt über den Asphalt. Die Pflastersteine, meint er, seien halt eine kleine Herausforderung. Ganz so klein ist sie dann doch nicht; drei Mal nimmt er Anlauf, bis er mit hochrotem Kopf aufsteht und den Rollstuhl vor sich herschiebt. Nicht viel besser scheinen sie sich zu fühlen, wenn sie sich von ihren Kollegen über einen Bordstein schieben lassen müssen. Jemandem ausgeliefert zu sein und vertrauen zu müssen ist schwierig. Einige sehen beinahe etwas verschüchtert aus, wie sie da in den Stühlen hängen und sich krampfhaft an den Lehnen halten. Beim anschliessenden Basketballspiel in der Halle können sie sich dann aber doch noch austoben.

Lieber Bier als Katheter

Der für die Jungs in diesem Alter aber wohl interessanteste Block ist jener über die schwierigen «Begleiterscheinungen » der Querschnittlähmung: den Blasen- und Darmproblemen. «Was glaubt ihr», fragt der Instruktor, «wie schafft man es, als Gelähmter seine Blase 2 Mal pro Tag zu leeren?» «Indem man Bier trinkt», ruft einer, und alle lachen. Als der Instruktor ihnen aber dann den kleinen Schlauch des Katheters zeigt und erklärt, wie dieser eingeführt werden muss, lacht keiner mehr, ein kollektives Aufstöhnen geht durch den Raum und einer ruft «Shit, das tuet doch huere weh». Die anschliessenden Fragen zeigen das Interesse der Jungs, und einmal mehr ist die Ernsthaftigkeit bei diesem doch sehr heiklen Thema überraschend. Wenn sich der eine oder andere an seinen Besuch im SPZ erinnert, wenn er seinen ersten Pflasterstein setzt, so ist das Ziel erreicht. Zudem werden diese jungen Leute Rollstuhlfahrern künftig anders begegnen.

(Text aus Paracontact 4/2012, Gabi Bucher)